13.06.2026

Frauenwahlrecht in der Weimarer Republik: Ein Vortrag zur Geschichte von Aufbruch und Kampf

Münster (agh). Die Weimarer Republik feierte 2018 ein rundes Jubiläum: 100 Jahre Frauenwahlrecht. Aber was bedeutete dieses Recht wirklich – und wie mühsam war der Weg, es zu erkämpfen? Eine Matinee in der VHS Münster beleuchtete die Geschichte von „Frauen im Aufbruch“. Dr. Julia Paulus vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, wissenschaftliche Referentin für Frauen- und Geschlechtergeschichte, bot den Vortrag „Frauen im Aufbruch“ im Rahmen der Matinee „100 Jahre Weimarer Republik“ am 17.11. 2018 im VHS-Forum Münster. Den Schwerpunkt des spannenden Vortrages legte Paulus auf die Kämpfe um das Wahlrecht für Frauen und die mühsamen Wege, es mit Leben zu füllen. Dr. Julia Paulus vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte sprach vor acht Teilnehmern über die Kämpfe um politische Rechte, über Vorurteile, über Statistiken, die heute überraschen. Ihre Expertise zeigte: Das Frauenwahlrecht war ein Sieg – aber auch der Anfang eines langen Kampfs.

Geschlechter-Definitionen in der Weimarer Politik

In der frühen Weimarer Zeit wurden Abgeordnete zunächst über ihr Geschlecht definiert. Es gab eigene Räume für Frauen. Kein Foto zeigt Männer und Frauen zusammen, berichtete Paulus – die Räume der Macht blieben physisch getrennt. Menschen verschiedener Geschlechter wurden unterschiedliche Wesensarten zugeschrieben. Die Frau war Projektionsfläche für Ideen von Unschuld und Reinheit. Andererseits wurden „Wilde“ und Frauen zu gleich als unmündige, unzivilisierte „Kinder“ identifiziert. Vor 1908 gab es nur in Bayern, Hannover und Sachsen ein Recht für bestimmte Frauen, für Gemeinderäte zu kandidieren – ausschließlich für alleinstehende Grundbesitzerinnen. Das Frauenwahlrecht musste über einen Kniff begründet werden: Frauen seien in sozialen und schulischen Dingen kompetent. Auch die Arbeit an der „Heimatfront“ während des Kriegs spielte eine argumentative Rolle.

Das Wahlrecht von 1918: Der rechtliche Sieg und die politische Realität

Am 12. November 1918 beschloss der Rat der Volksbeauftragten das gleiche, geheime und allgemeine Wahlrecht für alle Frauen und Männer ab 20 Jahren in Deutschland. Linke Politiker fürchteten, Frauen als Wählerinnen könnten zu konservativ wählen. Spiegelbildlich sorgten sich Konservative um das Gegenteil. Die Realität überraschte: 54 Prozent der Stimmberechtigten waren Frauen. Sie wählten vornehmlich milieuspezifisch und konservativ – die politischen Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht ganz. Beeindruckend blieb ihre Wahlbeteiligung: 82,3 Prozent. Der Anteil der Frauen in der Nationalversammlung betrug 8,7 Prozent – eine Zahl, die erst in den 1980er Jahren wieder erreicht wurde. Die meisten weiblichen Abgeordneten vertraten sozialistische und liberale Parteien; in konservativen Verbänden hatten Kandidatinnen meist schlechte Listenplätze erhalten.

Westfälinnen im Parlament: Gertrud Bäumer und das Erbe des Kampfs

Eine Abgeordnete war die Westfälin Gertrud Bäumer, Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine. Sie war so gefragt, dass man sie gleich in zwei Wahlkreisen aufstellte – eine Rarität bei knappen Kandidatinnen. Bäumer repräsentierte den Typus der politisch-aktiven Frau der Weimarer Zeit: nicht militant, sondern zielstrebig, organisiert, vernetzt. Dr. Paulus erwies sich als Expertin, die interessante Zusammenhänge bot und historische Einordnungen bot. Im Publikum fielen ergänzende Fragen, die Kaffeepause fiel kurz aus. Zu den acht Teilnehmern gehörte auch ein Paar aus Hamburg – die Geschichte des Frauenwahlrechts zieht über Regionsgrenzen hinweg an.

Das Frauenwahlrecht war 1918 ein Sieg der Bewegung – und zugleich erst der Anfang. Die Statistiken zeigen: Frauen beteiligten sich aktiv, aber ihre Macht blieb begrenzt. Erst 100 Jahre später wurde der parlamentarische Anteil wieder bedeutsam. Der Vortrag machte klar: Frauenwahlrecht bedeutet nicht automatisch Frauenpower. Es ist eine Grundlage – aber die Kämpfe darum gehen weiter.

Andreas Hasenkamp

Journalist und Event- sowie Portraitfotograf in Münster