12.06.2026

Improvisations-Kunst auf der Ott-Orgel in Wolbeck

Münster-Wolbeck (agh). „Heute wird es sehr spontan“, so begrüßte Felix Bräuer die Gäste in St. Nikolaus in Wolbeck. Die Kirche erlebte am Sonntagabend eine Sternstunde der Orgelkunst der Improvisation. Die Gemeinde feierte das 50-jährige Bestehen ihrer Ott-Orgel mit einem prominenten Gast: Thomas Lennartz, Professor für Orgelimprovisation und Liturgisches Orgelspiel in Leipzig, demonstrierte die Bandbreite dieses Instruments.
Lennartz eröffnete mit britisch-royalem Glanz. Die „Intrada festiva“ setzte sofort die horizontalen Zungenstimmen kraftvoll in Szene, dank des 2011 ergänzten Registers Clairon en chamade. Das Instrument hat durch spätere Umbauten deutlich an Grundtönigkeit und Zungenpräsenz gewonnen.
Der Organist wechselte danach in das deutsche Barockzeitalter. Er webte in Praeludium und Partita komplexe polyphone Strukturen. Besonders das Praeludium nimmt sich wiederholt zurück – aber nur, um mit noch mehr Schwung hervorzustoßen. Hier zeigte die 1976 von Paul Ott erbaute Orgel ihre klassische Transparenz. Lennartz nutzte die 30 Register aus, verband die barocke Klarheit mit der neuen klanglichen Fülle der Renovierungen von Sauer und Klimke.
Ein Höhepunkt war die „Fantasie im Stil der Wiener Klassik“ – sie versprach gestalterische Freiheit, sangliche, opernhafte Melodien, abrupte Harmoniewechsel. Lennartz spielte virtuos mit dramatischen Kontrasten.; die Orgel hielt bei seinen schnellen Registerwechseln mühelos mit. Sphärische Klänge, hier punktuell gesetzt, brachte er in der nächsten Station seiner Wanderung durch Epochen und Genres breiter zur Geltung.
Im „style français“ widmete sich Lennartz dem Lob- und Preisgesang zu Pfingsten, „Veni Creator Spiritus“. Wiederholt ließ der Organist neben seiner Schöpfung das Original in voller Klarheit hervortreten. Er widerstand dabei der da und dort zu erlebenden oder zu erleidenden Versuchung, die Klangstärke brachial die Ohren quälen zu lassen. Die „Metamorphosen“ über ein freies Thema, kurzfristig vorgegeben von seinem Schüler Felix Bräuer, boten einen kontinuierlichen, originellen Wandel in Gestalt, Rhythmik und harmonischer Umgebung.
Den wiederum feierlichen Schlusspunkt setzte eine dreisätzige Sonate im romantischen Stil zum Marien-Monat Mai.
Dieser Abend war eine würdige Hommage an ein Instrument, das weit über die Region hinaus bekannt ist. Lennartz bewies eindrucksvoll den Wert der Ott-Orgel. Sie bleibt auch nach 50 Jahren ein hochmodernes und inspirierendes Werkzeug für erstklassige Improvisation – wenn sie die nötige Pflege erfährt. Da diese Sanierung dringend ansteht, wird sie künftig in hohem Maß durch die Unterstützung der Gemeinde und Musikfreunde zu tragen sein. Das Konzert hatte 35 sehr aufmerksame Zuhörer.

Mit zwei besonderen Veranstaltungen lädt die St.-Nikolaus-Kirche in den kommenden Wochen Musikfreunde erneut zu eindrucksvollen Konzerterlebnissen ein. Den Auftakt macht am Samstag, 13. Juni 2026, um 16 Uhr das Konzert „Zu Besuch bei der Königin“. Gestaltet wird das Programm von der Musikschule Wolbeck e. V. mit Schülerinnen und Schülern der Orgelklasse von Felix Bräuer sowie weiteren Lehrkräften, Ensembles und Nachwuchsmusikern der Musikschule. Das Besondere dabei: Die Orgel erklingt jeweils in spannenden Kombinationen mit anderen Instrumenten und Besetzungen – ganz nach dem Motto „Orgel plus“.

Eine weitere musikalische Einladung folgt am Sonntag, 28. Juni 2026, um 18 Uhr mit der kirchenmusikalischen Andacht „Jesu, meine Freude“. Das Vokalensemble „TonArt“ gestaltet unter der Leitung von Thorsten Schwarte ein geistliches Konzertprogramm. Begleitet wird das Ensemble von Felix Bräuer an der Orgel und Sebastian Pietsch am Cello. Beide Veranstaltungen finden in der St.-Nikolaus-Kirche statt.

Das Programm entschlüsseln: Informationen zu Stil & Epoche mit Charakterisierung

Die KI-App Google Gemini wurde gefüttert mit dem Programm des Konzerts. Diese Informationen halfen mir bei der schnellen, aber korrekten Einschätzung der Programmelemente.

Stil / Epoche / ArtCharakterisierung (Drei Sätze)
Intrada festiva (Very British)Die Intrada eröffnet festlich ein Konzert oder einen feierlichen Einzug. Fanfarenartige Motive und punktierte Rhythmen prägen oft den heroischen Charakter. Der britische Stil nutzt dabei bevorzugt die klanggewaltigen Zungenstimmen der Orgel.
Praeludium (Deutscher Barock)Ein Praeludium dient traditionell als freies, improvisatorisches Vorspiel. Virtuose Läufe und vollgriffige Akkorde demonstrieren die Pracht des Instruments. Der deutsche Barockstil betont dabei eine klare formale Struktur und klangliche Transparenz.
Partita (Deutscher Barock)Eine Partita besteht aus einer Reihe kunstvoller Variationen über ein festes Choralthema. Jede Variation beleuchtet das Thema durch unterschiedliche Registrierungen und Rhythmen neu. Barocke Komponisten nutzten diese Form zur tiefgehenden Ausdeutung geistlicher Liedtexte.
Fantasie (Wiener Klassik)Die Fantasie bricht starre Formen auf und erlaubt dem Spieler größte gestalterische Freiheit. In der Wiener Klassik mischen sich dramatische Ausbrüche mit sanglichen, opernhaften Melodien. Plötzliche Harmoniewechsel überraschen das Gehör und erzeugen eine hohe emotionale Spannung.
Style français (Französische Schule)Dieser Stil nutzt die spezifischen Klangfarben der französischen Orgeldisposition konsequent aus. Charakteristische Registermischungen wie das „Grand Chœur“ dominieren das farbenreiche Klangbild. Oft verbinden sich hier strenge liturgische Themen mit einer eleganten, modernen Harmonik.
Gregorianik (Veni creator spiritus)Der gregorianische Choral bildet das einstimmige, lateinische Fundament der Kirchenmusik. Die Melodie fließt ohne festes Metrum und folgt allein dem Rhythmus des Textes. In der Improvisation dient sie als zeitloses Motiv für komplexe harmonische Schichtungen.
MetamorphosenMetamorphosen beschreiben die stetige Wandlung und Weiterentwicklung eines musikalischen Keimzells. Das Thema verändert dabei kontinuierlich seine Gestalt, Rhythmik und harmonische Umgebung. Der Hörer erlebt einen fließenden Prozess der Erneuerung ohne direkte Rückkehr zum Ursprung.
Sonate (Romantik)Die romantische Orgelsonate strebt nach orchestraler Fülle und großer emotionaler Tiefe. Mehrere Sätze bilden einen weiten dramaturgischen Bogen von der Einleitung bis zum kraftvollen Finale. Weite Dynamiksprünge spiegeln das subjektive Lebensgefühl des 19. Jahrhunderts wider.

Andreas Hasenkamp

Journalist und Event- sowie Portraitfotograf in Münster